Mut zum Mitgestalten: Frauen engagieren sich

1901
Am 14. Februar 1901 gründet Lily Zellweger-Steiger (1862–1914) gemeinsam mit einer Handvoll Mitstreiterinnen den «Basler Frauenverein zur Hebung der Sittlichkeit» (BFV).
In Basel, wie in anderen europäischen Städten, schliessen sich christliche Frauen aus wohlhabenden Familien in Wohltätigkeitsvereinen zusammen, um die sozialen Probleme ihrer Zeit und traditionelle Familiewerte zu stärken. Für die Frauen ist dies eine Möglichkeit sich politisch einzumischen – auch ohne Stimmrecht.

Ein Zufluchtsort für Frauen in Not

1903
Unter Lily Zellweger wächst der BFV schnell. Im ersten Jahr sammelt er über 5'500 Franken und eröffnet 1903 das Zufluchtshaus an der Holeestrasse 119. Dort finden Frauen in Notlagen Unterschlupf: unverheiratete Mütter, Prostituierte, Dienstmädchen ohne Arbeit, frisch aus dem Gefängnis oder aus einer Klinik Entlassene oder auch Frauen, die vor ihren Ehemännern Schutz suchen.
Durch Nähen, Waschen und Gartenarbeit sollen die Frauen wieder an ein geregeltes Leben gewöhnt werden. Dieser Ansatz hat auch Schattenseiten: Der Verein unterscheidet zwischen «würdigen» und «unwürdigen» Armen. Als arbeitsscheu geltende Frauen werden in ihre Heimatgemeinden zurückgeschickt. 1913 zieht das Zufluchtshaus an die Socinstrasse 13, wo es bis zur Schliessung 1947 bleibt. Ab 1912 erhält das Zufluchtshaus eine staatliche Subvention von 1000 Franken.

Wenn Fürsorge eine Form bekommt

1904
Der BFV stellt eine entlöhnte «Vereinsagentin» für die Koordination der Angebote und die Beratung der sich vermehrt einstellenden Klientinnen ein. Neben dem Zufluchtshaus entstehen damals drei Kommissionen: die «Jugendfürsorge», die «Fürsorgekommission für kleine Kostkinder» und die «Fürsorgekommission für junge Diensttöchter».
Aufgrund der Erfahrungen im Zufluchtshaus fokussiert sich der BFV auf junge Mütter mit Kleinkindern. Die Führsorgekommission für kleine Kostkinder vermittelt unehelich geborene Kinder in Pflegefamilien, im ersten Jahr 12 Kinder. Bereits 1906 übernimmt der BFV im Auftrag des Kantons Basel-Stadt die Aufsicht über sämtliche Kostkinder der Stadt.

Ein doppelter Aufbruch

1906
Mit der Eröffnung von zwei Kinderstationen, je eine im Gross- und eine im Kleinbasel, kann der BFV erstmals Kinder deren Eltern sich in einer vorübergehenden Notlage befinden temporär betreuen. Das Angebot stösst auf grossen Bedarf: bereits wenige Wochen nach der Eröffnung sind die Kinderstationen stark überbelegt. Statt der geplanten 20 Kinder müssen 35 versorgt werden.
Nach nur vier Monaten wird die Kleinbasler Station an die Brantgasse 5 verlegt, wo mehr Platz zur Verfügung steht. 1959 erfolgt der Umzug der Kinderstation Missionstrasse 28 in das «Kinderheim am Bachgraben». Ebenfalls 1906 ermöglicht eine anonymen Spende die ersten Vortragsabende von Frauen für Frauen. Diese «Theeabende» im St. Johann- und im im Spalenquartier sind gut besucht und markieren den Beginn des Bildungsangebots des BFV.

Beratung und Rechtsschutz

1907
Der BFV erhält mit dem Büro an der Herbergsgasse 1 die dringend benötigte Geschäftsstelle. Die drei Räume werden für Sitzungen und administrative Arbeiten, für Nähunterricht und die Sprechstunde der neugegründeten «Kommission für Frauenfürsorge und Rechtsschutz» genutzt.
Die Aufgaben der 1907 gegründeten Kommission ergibt sich aus den täglichen Begegnungen der Fürsorgerinnen mit ihren Klientinnen. Es steht weniger materielle Hilfe im Vordergrund als vielmehr Beratung und Unterstützung in administrativen Angelegenheiten. Die Rechtsberatung hilft vor allem ledigen Müttern bei der Durchsetzung von Alimentenforderungen. Im selben Jahr erhält der BFV erstmals staatliche Subventionen für das Pflegekinderwesen, das er seit 1906 im Auftrag des Kantons Basel-Stadt betreut.

Alltag und Selbsthilfe

1909
Im Herbst 1908 mietet der BFV das ganze Haus an der Herbergsgasse 1 und eröffnet dort 1909 das schweizweit erste «Tagesheim für Schulkinder». Es ist zunächst für Kinder von Witwen gedacht, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen. Gegen ein kleines Kostgeld erhalten die Kinder Mittag- und ein Abendessen und helfen im gemeinsamen Haushalt mit. Im Tagesheim sollen sie zu Ordnung und Gehorsam erzogen werden.
1909 gelingt es dem BFV mit Unterstützung des Stadtgärtners 25 Gärten von je 2 Aren zu einem niedrigen Preis an Familien zu vermieten. Die Idee ist ein grosser Erfolg. Der BFV kann das Angebot noch im gleichen Jahr zunächst um 36 weitere Gärten erweitern. Ende Jahr stehen zwei neue Areale für Arbeitergärten in Aussicht, eines neben dem Isaak Iselin-Schulhaus und das zweite im Kleinbasel bei der Josephskirche.

Abschied von Lily Zellweger-Steiger

1914
Am 13. Juli 1914 stirbt Lily Zellweger-Steiger, die erste Präsidentin des BFV. Sie war 1894 mit 32 Jahren, mit ihrem Mann und sechs Kindern von Heiden (AR) nach Basel gezogen.
Die in Herisau geborene Industriellentochter hatte sich früh in evangelisch geprägten Wohltätigkeitsvereinen engagiert. Entgegen ihrem Wunsch, Diakonisse zu werden, heiratete sie mit 21 den Pfarrer Otto Zellweger. 1894 wurde er Chefredaktor der Allgemeinen Schweizer Zeitung in Basel. Dort trat Lily Zellweger 1896 dem Comité zur Hebung der Sittlichkeit bei und engagierte sich im Verband deutschschweizerischer Frauenvereine. 1901 wurde sie zur Präsidentin des neu aufgestellten Basler Frauenvereins zur Hebung der Sittlichkeit gewählt. Mit ihr nahm der Verein richtig Fahrt auf.

Hilfe in der Not

1914-1918
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs engagiert sich der BFV in der «Passantenunterstützung»: Der Verein organisiert Schlafplätze für durchreisende Frauen, sorgt für Lebensmittel und Kleider und organisiert die notwendigen Papiere für die Weiterreise.
Ab 1917 betreut die Frauenfürsoge auch Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, die vor der russischen Revolution in die Schweiz fliehen. Viele gehören zur zweiten oder dritten Generation Russlandschweizer, sprechen kaum Deutsch und haben keine Angehörigen mehr hier. Die meisten haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren und stehen vor existentiellen Problemen. Die Betreuung der Russlandschweizerinnen wird zu einem langfristigen Aufgabenfeld, auch nach dem Krieg.

Vom Sittlichkeitsverein zu den Anfängen der Sozialarbeit

1915
Der BFV heisst neu «Basler Frauenverein», der Zusatz «zur Hebung der Sittlichkeit» wird ersatzlos gestrichen: Inzwischen existieren innerhalb des Vereins viele Zweige, die sich damit nicht mehr identifizieren können.
Im gleichen Jahr führt der BFV das «Weibliche Dienstjahr» ein, eine frühe Form der Ausbildung in sozialer Arbeit. Die Teilnehmerinnen besuchen Kurse in «Rechtsbelehrung und sozialem Unterricht» und absolvieren Exkursionen. Ab 1923 übernimmt die Basler Frauenzentrale, die Dachorganisation der Basler Frauenvereine, den Kurs und führt ihn bis 1970 als «Soziales Lehrjahr für Anstaltsgehilfinnen» und ab 1935 als «Berufskurs für Anstaltsgehilfinnen» weiter.

Ein neues Zuhause am Heuberg

1919
Der BFV kauft das Haus am Oberen Heuberg 6. Es ist bis ins Jahr 2000 das Sekretariat und der Geschäftsstelle des BFV. 1954 ermöglicht die finanzielle Unterstützung des Kantons (Arbeitsrappen) einen Umbau des Gebäudes.

Frauenstimmrecht – eine notwendige Forderung

1926
Der BFV ist seit seiner Gründung politisch aktiv. Als Mitglied der Frauenzentale unterstützt er 1926 die Initiative der Kommunistischen Partei Basels zur Einführung des Frauenstimmrechts. Im Jahresbericht steht dazu, man habe diese Forderung nie in den den Vordergrund der Vereinstätigkeit gestellt, erachte sie aber als «eine Notwendigkeit. (…)
Wer so viel mit Not, Elend und Sünde zu tun hat, der weiss, dass vieles, was wir wollen, erst erreicht wird, wenn die Frauen ihren Forderungen als Mitstimmende Nachdruck verleihen können.»

Kritik, die bestraft wird – und nicht verstummt

1927
Der BFV kritisiert im Jahresbericht scharf, dass viele Delikte gegen Frauen und Kinder nicht gemeldet würden, aus «der sehr berechtigten Angst heraus», die polizeiliche Vernehmungspraxis schade den Opfern mehr als die Tat selbst. Es fehlten Polizeiassistentinnen, weibliche Detektive und ausserdem eine Gerichtsärztin.
Der Verein wird darauf wegen übler Nachrede zu 100 Franken Busse verurteilt. Im Folgejahr zeigt sich der Frauenverein kämpferisch: In der Sache habe man recht, bei der Wahrheitsfindung sei es hinderlich, wenn Frauen und Kinder ausschliesslich von Männern befragt würden. «Heute möchten wir aber noch weiter gehen und dieser Forderung eine zweite beifügen, nämlich die Ernennung weiblicher Richter.»

Zwischen Flüchtlingshilfe und Soldatenfürsorge

1939
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erweitert sich das Aufgabengebiet des BFV. Innert weniger Tage füllt sich das Zufluchtshaus mit weiblichen Füchtlingen, vor allem jungen Müttern aus dem Elsass. Gleichzeitig suchen viele Schweizerinnen Hilfe bei der Alltagsbewältigung, besonders wenn der Ehemann im Aktivdienst ist.
Im Auftrag des Gemeinnützigen Schweizer Frauenvereins betreut der BFV ab 1943 rund 90 weibliche Flüchtlinge, die in Basler Privathaushalten untergebracht sind. Im selben Jahr übernimmt er die Ortsstelle Basel der Zentralstelle für Rückwandererhilfe und hilft Auslandschweizerinnen und -schweizern, in der Schweiz wieder Fuss zu fassen. Darüber hinaus führt der BFV ab 1939 im Auftrag der Soldatenfürsorge die Soldatenwäscherei. Ab 1943 kommen Flickarbeiten für überlastete Bäuerinnen aus dem Jura dazu.

Beratungsstelle für werdende Mütter – Hilfe für unverheiratete Frauen

1944
Dank der Bildung eines speziellen Fonds aus Beiträgen der GGG, der Kiosk AG und einem Legat kann 1944 die «Beratungsstelle für werdende Mütter» eröffnet werden. Das Angebot ist speziell für unverheiratete Frauen gedacht. 1945 wird die Beratungsstelle dem Frauenspital angegliedert.

Rechtsberatung als neue Aufgabe der Frauenfürsorge

1948
Nach dem Krieg übernimmt der Staat zunehmend soziale Aufgaben, die zuvor vom BFV getragen wurden. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit, da der Mangel an Dienstpersonal die Frauen stärker im eigenen Haushalt bindet.
Dennoch erweitert die Frauenfürsorge ihr Angebot um eine Rechtsberatungsstelle für Frauen: Eine Juristin bietet wöchentlich eine kostenlose Sprechstunde an, die rege Zuspruch findet, in rund 10% der Fälle auch von Männern. Rund die Hälfte der Beratungen betreffen eherechtliche Fragen.

Geborgenheit auf neuen Wegen

1955
Der BFV eröffnet das «Kinderheim Im Vogelsang» an der Eugen-Wullschleger-Strasse 18. Erstmals leben Kinder in Sechserfamilien mit je eigener Wohn- und Schlafstube, sodass Geschwister zusammenbleiben.
1987 ergänzt der BFV das Angebot mit einer 24-Stunden-Durchgangsgruppe mit 8 Plätzen für Kinder zwischen 7 und 12 Jahren in akuten Notsituationen. Seit Januar 2000 gibt es zudem eine interne Schule mit 8 Plätzen. 2004 entsteht ein zweiter Standort im ehemaligen Pfarrhaus St. Christopherus in Kleinhüningen. Die 10 Plätze im Hirzbrunnen-Quartier und 7 in Kleinhüningen sind innerhalb von 4 Tagen belegt. Um dem chronischen Mangel an Pflegefamilien entgegenzuwirken gründet der BFV im gleichen Jahr «Pflegekinder-Grossfamilien» mit drei bis fünf Pflegekindern.

Geburtsstunde der Tagesmüttervermittlung

1957
Um einem wachsenden Bedürfnis nach privaten Tagesmüttern zu entsprechen, entsteht 1957 der «Vermittlungsdienst für private Hüteorte». Dies markiert den Anfang der Vermittlungstätigkeit von Tagesmüttern.

Basler Kurs für Kleinkinderpflege

1962
Inpiriert von den Ideen der Zürcher Kinderärztin Marie Meierhofer, führt der BFV den «Basler Kurs für Kleinkinderpflege» ein. Dies ist der Anfang der Ausbildung zur Kleinkindererzieherin, welche sich später schweizweit zur heutigen Ausbildung Fachperson Betreuung EFZ, Fachrichtung Kinderbetreuung entwickelte.
1968 wird der Kurs Teil der «Schweizerischen Vereinigung von Schulen für die Pflege gesunder Kinder» und damit eidgenössisch anerkannt. 1979 findet der Kurs zum letzten Mal statt. In 29 Durchgängen waren 392 Kleinkinderpflegerinnen ausgbildet worden. Anschliessend übernimmt ihn der «Schulverein für soziale Schulen». Dieser führt ihn neben den bestehenden Angeboten, der «Schule für Sozialarbeit» und der «Berufschule für Heimerziehung» als «Kurs für Kleinkindererzieher» weiter.

Benvenuti a Casa Nanetti

1963
Ende der 1950er Jahre erscheinen in den Jahresberichten des BFV erstmals Kinder italienischer Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern. Das südländische Temperament bringe allerhand Probleme, ist im Jahresbericht von 1962 zu lesen. 1963 eröffnet der BFV deshalb an der Missionsstrasse 52 die «Casa Nanetti», ein Heim mit 20 Plätzen für Säuglinge und Kleinkinder aus Gastarbeiterfamilien.
Ziel ist die Trennung italienischer von den Schweizer Kindern, auch weil man von einem temporären Aufenthalt der Gastarbeiterkinder ausgeht. Dem Frauenverein wird von einigen Seiten vorgeworfen, die Schweizer Kinder zu vernachlässigen. 1967 wird ein zweites Heim eröffnet, die «Casa Pupetti» für Kinder von Spitalmitarbeiterinnen.

Neue Weichen am Heuberg

1964
Die Mitgliederversammlung beschliesst eine ganze Reihe wichtiger Änderungen. Dazu gehören die Ergänzung des Namens «Basler Frauenverein» mit dem Zusatz «am Heuberg», da es immer wieder zu Verwechslungen mit anderen Frauenvereinen gekommen ist, sowie einer Umstellung bei den Jahresbeiträgen. Die Erhebung erfolgt nicht mehr durch Sammlerinnen vor Ort sondern mittels Postchequeeinzahlungen.

Vom Anspruch zum Recht

1965
Das Einfordern von Alimentezahlungen war für geschiedenen Frauen oft ein Kampf. 1965 gründet der BFV deshalb die «Inkassostelle für Alimente». Mit der Einführung des neuen Kindsrechts im Jahr 1979 erhält die Inkassostelle einen gesetzlichen Auftrag und kann nun Kinderalimente bevorschussen. Während beinahe 40 Jahren ist sie ein wichtiges Angebot des Frauenvereins. Anfang 2005 übernimmt der Kanton die Inkassostelle.

Ein langer Kampf trägt Früchte

1966
Endlich! Am 26. Juni 1966 erhalten die Frauen im Kanton Basel-Stadt das Stimm- und Wahlrecht. Der BFV hat sich wiederum im Abstimmungskampf engagiert.

Kantonale Förderung für Pionierinnen der Beratung

1975
Die 1965 gegründete «Frauenberatungsstelle» und die «Inkassostelle für Alimente» erhalten erstmals kantonale Subventionen.

Zwischen Empörung und Aufklärung

1977
Der Frauenverein engagiert sich für die Fristenlösungsinitiative und setzt sich vehement für die Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs ein. Der BFV stellt im unsachlich geführten Abstimmungskampf klar: Es geht nicht um «willkürliche Lebensvernichtung» sondern um Frauen in Not, die mehr Unterstützung brauchen als nur eine Beratung.

Basel erhält sein erstes Eltern-Kind-Zentrum

1978
Eröffnung der «Kontaktstelle für Mutter und Kind St. Johann» am Davidsrain 3. Damit gründet der BFV in Basel das erste Eltern-Kind-Zentrum. Mütter mit Buschis und Kleinkindern unterstützen sich gegenseitig, erhalten Beratung und niederschwelligen Zugang zu einem Kursangebot.
Das Pflegekinderwesen übernimmt die Aufsicht über die Tagesmütter. Neu unterliegen auch Tagespflegeplätze der Bewilligungspflicht und der ständigen Aufsicht. Eine Massnahme, die der BFV zum Schutz von kleinen Kindern schon seit vielen Jahren fordert.

Die Struktur steht und zeigt Wirkung

1981
Der BFV organisiert mit der «Informations- und Vermittlungsstelle für Kinderbetreuung» eine zentrale Anlaufstelle für Kinderbetreuung. Zunächst für die eigenen Tages- und Kinderheime, ab 1989 dann im staatlichen Auftrag für ganz Basel. Die Warteliste wächst schneller als das Platzangebot. Doch die Struktur steht – und wird zum Vorbild.

Mehr als eine Mahlzeit

1983
Der Frauenverein eröffnet an der Amerbachstrasse 6 einen «Mittagstisch». Er reagiert darauf, dass zahlreiche Kinder ab 9 Jahren ihre Mittagspause allein zu Hause verbringen. Der Alltag zeigt schnell: Es braucht einen Erzieher, der nicht nur das Essen beaufsichtigt, sondern die Gruppe führt. 1987 zieht das Angebot vom Kleinbasel ins St. Johann-Quartier.

Ein Jahr des Umbruchs

1987
Der BFV wagt den Sprung in die Moderne und passt die Vereins- und Betriebsorganisation an. Für das operative Geschäft wird eine Geschäftsleiterin angestellt. Der gesamte Bereich Kinderbetreuung wird nun nicht mehr ehrenamtlich, sondern hauptamtlich geleitet.
Zahlreiche Neuerungen wie die 42-Stunden-Woche, der auf 16 Wochen verlängerte Mutterschaftsurlaub und der Wunsch nach besseren Löhnen der Erzieherinnen führt zu einem finanziellen Engpass. Das Gesuch nach höheren staatlichen Subventionen wird teilweise bewilligt. Ein neues Thema erschüttert die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BFV: AIDS. Dies führt zu grossen Unsicherheiten, so dass der BFV reagieren muss. Es werden für sämtliche Angestellte obligatorische Informationsabende durchgeführt.

Neue Wege der Freiwilligkeit

1992
Der BFV plante 1991 eine Stelle zur Vermittlung von Freiwilligenarbeit zu eröffnen. Doch es kam Kritik von Seiten des Vorstands: das Bild der selbstlosen, unbezahlten Frauenarbeit im Dienst der Allgemeinheit sei veraltet! Man entscheidet deshalb, neue Wege zu gehen und gründet gemeinsam mit der Christoph Merian Stiftung und der GGG einen Trägerverein für Freiwilligenarbeit (FRAB). «Benevol» ist nun eine Organisation der GGG.

Säuglingspflege wird zur Familiensache

1994
Der BFV engagiert sich im Kleinbasel für ein weiteres Eltern-Kind-Zentrum. Zusammen mit dem Elternverein MaKly entsteht das Eltern-Kind-Zentrum Matthäus-Klybeck am Claragraben 158. Es entwickelt sich eine neue und erfolgreiche Form der Zusammenarbeit.
Aus der 1938 auf Initiative der Pro Juventute vom BFV gegründeten «Mütterschule» wird die «Mutter-Vater-Schule für Säuglingspflege»: Angehenden Eltern sollen Grundkentnisse in Säuglingspflege vermittelt werden.

Vom Auftrag zur Anstellung

1998
Der BFV eröffnet eine Vermittlungsstelle zur Betreuung von Kindern in Tagesfamilien. Gleichzeitig erfolgt eine Professionalisierung: Tagesmütter sind nicht mehr Auftragnehmerinnen des BFV sondern Mitarbeiterinnen mit einem Anstellungs- und Betreuungsvertrag.

Neue Zugänge

1999
Die «Kontaktstelle Eltern und Kinder St. Johann» startet das Modellprojekt «Interkulturelle Elternarbeit» – für drei Jahre, ohne staatliche Subventionen. Ziel des Projektes ist der verbesserte Zugang zur Kontaktstelle für Familien mit Migrationshintergrund.
Eröffnung einer Ad-hoc-Betreuung für kleine Kinder im St. Johann. Das Schlupfloch bietet eine flexible Kinderbetreuung für Eltern mit unregelmässigen Arbeitszeiten. Das Kinderheim am Bachgraben zieht nach 40 Jahren ins Kinderheim Lindenberg am Oberen Rheinweg und trägt seither auch diesen Namen.

«Feine Maschen – Starkes Netz»

2001
Der BFV feiert mit einer grossen Gästeschar sein hundertjähriges Bestehen. Das Festjahr steht unter dem Motto «Feine Maschen – starkes Netz. 100 Jahre Frauenverein am Heuberg».

Pflegefamiliendienst beider Basel entsteht

2004
Der BFV baut in Zusammenarbeit mit den Kantonen BS und BL den «Pflegefamiliendienst beider Basel» auf. Damit erhält einer der dienstältesten Zweige des BFV, das 1905 gegründete Pflegekinderwesen, einen staatlichen Auftrag. Das Angebot entwickelt sich stetig weiter. 2014 wird das Angebot im Kanton Basel-Landschaft ausgeweitet. Neu gehört auch die Vermittlung von unbegleiteten Minderjährigen die Asyl suchen (UMAs) zum Angebot.

Mit Bildung die Zukunft gestalten

2006
Sechzehn Lernende beginnen die neue Grundausbildung Fachmann/Fachfrau Betreuung EFZ, Fachrichtung Kinderbetreuung, vier davon in der neu geschaffenen Berufsmaturitätsklasse. Die dreijährige Ausbildung ersetzt die Lehre zur Kleinkindererzieherin, welche ursprünglich vom BFV mitentwickelt wurde. familea ist seit Jahren die grösste Ausbildungsorganisation in der Kinderbetreuung im Raum Basel, seit 2020 mit über 200 Lernenden.

100 Jahre Beratung für Frauen in schwierigen Lebenslagen

2007
Die Frauenberatungsstelle bietet seit 100 Jahren Sozial- und Rechtsberatung für Frauen in schwierigen Lebenssituationen an. Nach wie vor besteht eine hohe Nachfrage nach einer spezialisierten ganzheitlichen Beratung.

Vom Basler Frauenverein zu «familea»

2011
Der BFV ist in einer bedeutenden Umbruch- und Professionalisierungsphase. Die neue strategische Ausrichtung führt zu einer Namensänderung. Der Basler Frauenverein wird zu «familea – Für Frauen, Kinder und Familien. Seit 1901»

Ein wachsendes Betreuungsnetz

2015
Es entstehen zahlreiche neue Kindertagesstätten und die Anzahl Betreuungsplätze wird erhöht. Neu führt familea auch in den Kantonen BL und AG eigene Kitas.
Im Jahr 2015 hat familea an 33 Standorten 1203 Plätze für rund 1600 Kinder. Das erhebliche Wachstum geht einher mit einer Zentralisierung von organisatorischen und administrativen Aufgaben. Die Geschäftsstelle wird vergrössert und ein umfassendes IT-System eingeführt.

Neue Wege für Zukunft und Qualität

2018
familea baut eine eigene Produktionsküche an der Habsburgerstrasse auf. Kitas ohne eigene Kochmöglichkeit erhalten nun täglich frisch produzierte kindgerechte Mahlzeiten geliefert.
Die dringend notwendige Gesamtrenovation des ehemaligen Schifferkinderheims kann nach langjähriger und aufreibender Planung endlich starten. Die drei Wohngruppen ziehen um an neue – ebenfalls umgebaute – Standorte in verschiedenen Quartieren. Das Wachstum der letzten Jahre und die Bauvorhaben führen zu finanziellen Engpässen. Verschiedene Massnahmen zur Kostensenkung werden umgesetzt und zeigen Wirkung.

Umzug und Pflegefamilienabklärung

2019
Die Kinder aus dem Durchgangsheim ziehen in das umgebaute ehemalige Schifferkinderheim ein. Gleichzeitig erfolgt ein Ausbau der Plätze. Seit 2019 sucht familea nicht nur Pflegefamilien sondern klärt im Auftrag des Kantons Basel-Landschaft auch deren Eignung ab. In Basel-Stadt übernimmt dies eine eigene Amtsstelle.

Ein Ausnahmejahr voller Einsatz und Anpassung

2020
Das Jahr steht im Zeichen von Corona und fordert alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter enorm. familea betreibt alle Kitas, Kinderheime und Beratungsstellen auch während des Lockdowns weiter. Neu gibt es zusätzliche Betreuungsplätze für Kinder von Eltern aus Gesundheitsberufen und eine Betreuung durch Notnannies wird eingeführt. Die Anstellungsbedingungen werden verbessert, u.a. wird der Vaterschaftsurlaub auf vier Wochen verlängert.

Neuausrichtung der Pflegekinderarbiet

2021
Das «Zentrum Pflegekinder» löst den Pflegefamiliendienst ab und erhält eine neue Ausrichtung. Die Begleitung aller Beteiligten in einem Pflegeverhältnis erhält mehr Gewicht, das Team wird ausgebaut und das Marketing zur Suche nach neuen Pflegefamilien wird verstärkt. Zusätzliche Kitaplätze entstehen und in Pfeffingen wird eine Tagesstruktur mit Mittagstisch und Nachmittagsbetreuung aufgebaut.

Politisch aktiv für bessere Rahmenbedingungen

2022
familea engagiert sich weiterhin politisch und lanciert die Kita-Allianz BS. Ziel sind bessere Rahmenbedingungen in den Kitas – mehr Lohn für die Mitarbeitenden und für die Eltern zahlbare Tarife. familea erneuert im Zuge eines Rebrandings das Logo und den visuellen Auftritt.

Starke Zeichen – politisch, strategisch, sozial

2023
Das langjährige politische Engagement von familea in Basel ist erfolgreich. Die Kitareform bringt erhebliche Verbesserungen: höhere Löhne, mehr Fachpersonen, Abschaffung Praktikas und soziale Tarife für Eltern.
Die Kita Allianz BL wird gegründet, um auch im Kanton Basel-Landschaft durch politische Lobbyarbeit bessere Rahmenbedingungen für die Kitas zu schaffen. Ein erfolgreicher Leitbildprozess mit Mitarbeitenden aus allen Bereichen und Hierarchiestufen führt zur Entwicklung einer gemeinsamen Mission, Vision und drei Handlungsfeldern, die Orientierung geben und die strategische Ausrichtung bekräftigen: • familea ist Pionierin aus Tradition • familea ist eine soziale Institution nach aussen und innen • Unsere Mitarbeitenden sind stolz, für familiea zu arbeiten

Erweiterung der Betreuungs- und Familienangebote

2024
familea übernimmt acht Kitas von familycare, um deren Fortbestand zu sichern. Dies führt zu einem weiteren Wachstum um 400 Kita-Kindern und 180 neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Integration läuft erfolgreich und bringt neue Impulse. Neu bündelt der Bereich «Familienangebote» Hilfestellung für Eltern wie Nannyvermittlung, Kinder-Feriencamps, Nothelferkurse und Beratungen.

Engagement und Kompetenz

2025
familea übernimmt die Kinderbetreuung und die Gestaltung des Kinderprogramms während der Art Basel und weiteren Grossanlässen. Ein neues Angebot für Care Leaver startet in einer dezentralen Wohngruppe.
familea unterstützt und begleitet junge Erwachsene im Übergang vom Heim zum eigenständigen Wohnen. Mit der Einführung der Intensivbetreuung im Durchgangsheim «Im Vogelsang» werden die Kinder gezielter gestärkt und die Mitarbeitenden können individueller auf sie eingehen.

125 Jahre familea – Pionierin aus Tradition.

2026
Happy Birthday – familea feiert am 14. Februar Geburtstag. Heute betreut familea in über 40 Kitas rund 3’000 Kinder, führt Kinder- und Jugendheime, das Zentrum Pflegekinder und eine Sozial- und Rechtsberatung für Frauen. Die Angebote stärken Familien, Kinder und Frauen. Sie fördern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, tragen zur Chancengleichheit und Integration bei.
Mit über 900 Mitarbeitenden - davon sind rund 200 Auszubildende und Studierende – ist familea eine anerkannte und bedeutende Fach- und Ausbildungsinstitution im sozialen Bereich.